(2007)
Schon als Kind konnte Otto besonders gut riechen. Oft scherzte er:
"Ich rieche was, was ihr nicht riecht, kenne aber nicht den Namen!"
In der Schule bekam er deshalb den Spitznamen "Riechnase". Er wuchs heran und entdeckte eines Tages in der Bücherei ein großes Buch mit leeren Seiten. Da kam ihm eine Idee. Er ließ alle Schulkinder in Stichworten ihre Sorgen und Nöte aufschreiben. Bis auf eine Seite war das große Buch vollgeschrieben. So las man „Umweltverschmutzung, Klimawandel, Tschernobyl, Kriege, Tod, Krankheiten, Ängste, Erdbeben, Überschwemmungen, Hurrikane, Katastrophen, Hunger“ und so weiter.
Otto klemmte sich das Buch unter den Arm und ging damit nach draußen. Plötzlich bewegte es sich unter seinem Arm, löste sich vom Körper und begann langsam zu schweben. Nur mit Mühe konnte Otto sich an einer Ecke festhalten und sich auf das aufgeschlagene Buch ziehen, das höher und höher stieg. Dabei war auch sein geliebter alter Hut seines Vaters. Endlich schaffte Otto es, sich draufzustellen. Nun sah er seine Stadt von oben und hörte unter sich die Menschen rufen:
"Seht nur, Otto Riechnase steigt in den Himmel!"
"Da will ich auch hin", rief er ihnen aufgeregt entgegen, "denn ich will den lieben Gott fragen, warum es hier auf der Erde so stinkt!"
Über der Stadt hing übelriechender, grauer Dunst. Indessen entfernte sich Otto immer mehr von der Erde, tauchte durch die Wolken, sah die Sonne am Tag und den Mond bei Nacht. Angst hatte er nicht, denn er wollte ja was herausfinden. Plötzlich hörte er in der Ferne Stimmen. Aus einem großen Wolkenloch winkte ihm eine Engelschar entgegen.
"Halt, nicht weiter!", rief ein Engel und hielt ihn fest.
"Ich will zum lieben Gott und ihn fragen, warum es auf der Erde so stinkt!", erwiderte Otto.
Ein großer Engel mit goldenen Flügeln entgegnete ihm mit schallender Stimme:
"Das haben wir bereits getan, denn von uns will auch keiner mehr in die Nähe der Erde!"
Er verschwand und kam nach kurzer Zeit mit einem riesigen Buch wieder. Otto blickte auf große goldene Buchstaben, die den Buchdeckel zierten und las B I B E L. Man gab ihm zu verstehen, daß er näher kommen sollte, damit er mitlesen könnte. Am oberen Rand entdeckte er das Wort "Offenbarung".
Wieder erschallten des Engels Worte und vor lauter Aufregung hörte er nur noch: "....er wird die verderben, die die Erde verderben.", und an anderer Stelle: "... siehe, ich mache alles wieder neu!".
Otto bat dieses Wesen recht freundlich:
"Kannst Du mir das alles auf die letzte Seite meines Buches schreiben, damit es mir die Menschen auch glauben? Es ist doch der Menschen Hoffnung!"
Seine Bitte wurde erfüllt, und es drängte ihn wieder hinab zur Erde. Ein Engel begleitete ihn, und je näher sie der Erde kamen, desto mehr Gestank kam ihnen entgegen.
Otto, die Riechnase, fragte während der Reise nach unten nach dem Namen der üblen Gerüche.
"Das sind Treibhausgase!", sagte der Engel und verschwand.
"Treibhausgase!", wiederholte er und sank langsam vor die Tür seiner Bücherei.
Es sprach sich wie ein Lauffeuer herum, daß Otto Riechnase wieder da war und in seinem Buch die Antwort Gottes mitgebracht hatte.
"Was ich als Kind immer schon gerochen habe, nennt man jetzt Treibhausgase. Sie würden aber wieder verschwinden. Das hatte Gott versprochen!", erzählte er stolz den neugierigen Bürgern.